- Stadtentwicklung und Verkehr -

“Die Hälfte der Stadt bleibt Grünfläche.”

Barbara Mader (KURIER) und Planungsstadtrat Rudi Schicker im Gespräch über Hochhäuser und Lieblingsstädte.

Mader: Der Stadtentwicklungsplan STEP 05 wird derzeit evaluiert. Ihre Prognose? Sind Sie zufrieden? Wo hakt es?

Schicker: Bei den 13 Zielgebieten, die wir 2005 festgelegt haben, war auch die Innenstadt dabei. Damals bestand die Gefahr, dass viele Firmensitze aus der Stadt verschwinden. Das haben wir gut in den Griff bekommen. Auch Donaukanal, Wiental und vor allem die Achse entlang der U2 entwickeln sich bestens. Wir sind auch auf einem guten Weg, den Gürtel wieder zu einer attraktiven Gegend zu machen. Andere Stadtteile haben sich langsamer entwickelt, als wir 2005 gehofft haben. Dem Grätzel um den ehemaligen Nordbahnhof hat es zu Beginn an Dynamik gefehlt. Jetzt hat die Gegend aufgeholt. Etwa mit dem Bildungscampus oder der Bike-City und dem Rudolf-Bednar-Park.

Architekt Roland Rainer hat einmal gesagt, er sei als Stadtplaner zurückgetreten, weil „Politik und Stadtentwicklung unverträglich“ seien. Gemeint hat er damit politische Begehrlichkeiten aus verschiedenen Richtungen, die in die Stadtplanung eingreifen wollen. Wie gehen Sie damit um?
Planung ist immer ein Prozess. Was heute beschlossen wird, ist oft am nächsten Tag schon überholt. Deshalb wäre es falsch, zu sagen: Jetzt ist der Stadtentwicklungsplan beschlossen, jetzt muss alles genau so gemacht werden. So gesehen hat Planung immer mit Politik zu tun. Darüber hinaus bin ich selber gelernter Stadtplaner. Ich kenne beide Seiten sehr gut. Meine Rolle ist heute aber die, Politik zu machen. Planen müssen die Experten.

Thema Stadterweiterung: Wir hören von der Stadt immer den Slogan „Wien wächst“. Hört sich gut an, aber stimmt das auch?
Die Statistik zeigt, dass die Bevölkerung seit Beginn der 90er-Jahre leicht, seit 2000 kontinuierlich steigt. Wien wird voraussichtlich 2035 die 2-Millionen Grenze erreichen. Das hat mit der neuen Rolle Wiens im Herzen Europas zu tun. Der stärkste Zuzug der letzten Jahre kommt z. B. aus Deutschland.

Wo werden diese Menschen wohnen? Warum muss Wohnraum immer am Stadtrand entstehen?
Es wird nicht nur an der Peripherie gebaut. Das ist ein Vorurteil. Wir haben viel innerstädtisches Entwicklungspotenzial: Derzeit gerade die Bahnhöfe wie den Nordbahnhof, den ehemaligen Südbahnhof, aber auch den Westbahnhof. Ich denke da auch an ehemalige Industrieareale wie die Bombardiergründe.Tatsache ist: Mehr als 50 Prozent der Stadt bleiben grün, so wie im Grünraumkonzept des STEP 05 festgelegt.

Stadtplanung hat viel mit Weiterentwicklung zu tun. Die Wiener sind traditionell schwer für moderne Architektur zu begeistern. Beispiel Museumsquartier, das letztlich ein Kompromiss wurde. Wie begegnet man als Stadtplaner dieser Herausforderung zwischen Tradition und Weiterentwicklung?
Zunächst: Stadt entwickelt sich nicht, weil ein Politiker das will. Da sind immer viele Akteure eingebunden, als Politiker muss man korrigierend und unterstützend eingreifen. Man muss immer auch in Zweifel stellen, was Investoren möchten oder wie zurückhaltend Investitionen, vor allem angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise, getätigt werden. Es geht um Stadtverträglichkeit.

Architektonische Zeichen setzen ist aber nicht nur Investoren vorbehalten, das gehört ja sehr wohl auch zur strategischen Weiterentwicklung einer Stadt.
Darum geht es ja. Dass wir als Stadt sagen: Wir wollen keine 08/15-Bauten, sondern städtebauliche Qualität. Wenn Peek & Cloppenburg. ein Weltstadtkaufhaus auf der Kärntner Straße bauen will, dann muss das auch Weltstadtarchitektur sein. Das fi ndet dort auch statt. Es hat einen internationalen Wettbewerb gegeben, den der britische Architekt David Chipperfield gewonnen hat. Aber natürlich wird Wien als Tourismus-Stadt immer, auch in Zukunft, vom Image der Ringstraßenarchitektur leben. Über jede Veränderung wird diskutiert. Das ist auch gut so. Die Bürger sind ja mündig.

Aber wenn Sie die Wiener jedes Mal fragen, was Sie haben wollen, dann dürfen Sie nur mehr zweistöckige Häuschen in Schönbrunner Gelb bauen.
Und freistehende Einfamilienhäuser (lacht). Natürlich hat Wien auch eine Tradition, Modernes zunächst abzulehnen. Denken Sie an das Loos-Haus am Michaelerplatz. Aber wenn Entscheidungen einmal getroffen sind, akzeptieren sie die Menschen auch. Meist gefällt es den Leuten nach einiger Zeit sogar sehr gut. Gutes Beispiel ist das Hollein-Portal der Trafik im Haashaus. Da gab es vor kurzem eine Riesenaufregung, dass das Tabakblatt wegkommen könnte. Bemerkenswert, wenn man bedenkt, wie manche ursprünglich gegen das Haus protestiert haben. Die Wiener gewöhnen sich an moderne Architektur. Sind später sogar stolz drauf. Denken Sie an die Hochhäuser auf dem Wienerberg. Die sind nach anfänglicher Skepsis als Landmark akzeptiert.

Apropos Wienerberg: Woran ist die Calatrava-Brücke gescheitert?
Calatrava ist ein Grenzgänger zwischen Architektur und Kunst. Er wollte sich keinem Wettbewerb unterziehen. Wir müssen aber auf die Sicherheit und Begehbarkeit schauen. Wir wollten kein Kunstwerk, das ausschaut wie eine Brücke, aber nicht genutzt werden kann.

Ein städtebauliches Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?
Ich freue mich sehr auf die Donaucity. Der erste Perrault-Turm, mit 220 m das höchste Haus Wiens, wird ab Mai gebaut.

Was ist mit dem Windproblem auf der Donauplatte?
Das Problem ist gelöst. Trotzdem: Man lernt aus Fehlern. Künftig wird man sich meteorologische Gutachten sehr genau anschauen.

Stadtentwicklung in anderen Städten: Haben Sie Vorbilder?
New York ist derzeit sehr interessant. Wie die Stadt derzeit mit einem Durchgrünungskonzept versucht z. B. Manhattan „grüner“ und Radfahren populär zu machen. Da sieht man, wie Wien auch für amerikanische Städte Vorbild ist.

Zum Schluss zwei persönliche Fragen: Eine Weltstadt, in der Sie gerne leben würden?
Wenn nicht Wien, dann Sydney. Das ist Wien und Meeresstrand.

Nehmen wir an, das Geld wäre abgeschafft, Sie können sich aussuchen, wie Sie wohnen:
Am besten wäre eine Mischung aus Wienerwald und Donau-Gegend. Und bitte nicht im Erdgeschoß. Als Bergsteiger brauche ich den Ausblick.

Das Interview ist auch Teil der Broschüre “100 Projekte Wien”, die kostenlos beim Webshop der Wiener Stadtentwicklung zu bestellen ist.

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